Analoges Arbeiten im digitalen Studium

am 19. August 2017 in Aktuelles von

Retro-Fetischisten gibt es überall – auch unter Onlinemedien-Studenten. Zugegeben, ein Commodore C64 steht selten auf den Tischen der Kommilitonen, aber hin und wieder sieht man dann doch Relikte aus vergangenen Zeiten. Sie werden also immer noch genutzt – Stift und Papier. Und auch wenn vereinzelten ON-Studierenden ein Satz wie „Wir sind Onlinemedien-Studenten! Wir sind digital!“ über die Lippen kommt, so wird das analoge Schreiben doch stark verteidigt.

Laptop und Notizblock im Vergleich

Analog und Digital im Vergleich

Aber zurecht? Ist es heute nicht klüger, auf die Technik zu setzen und diese mit all ihren arbeitserleichternden Features zu nutzen?

Die Systementscheidung: Einmal getroffen ist ein Umstieg schwer

Die Entscheidung für ein Medium fällt bereits ganz am Anfang. Das Problem: Hat man sich einmal festgelegt, ist ein späterer Wechsel mit viel Aufwand und oftmals doppelter Arbeit verbunden. Entscheidet man sich für das händische Mitschreiben, so nutzt man entweder einen College-Block oder ein gebundenes Notizbuch. In beiden Fällen sollte man nicht einfach wild drauf los schreiben: Eine sinnvolle und einheitliche Einteilung der Seiten erleichtert nicht nur das Notieren selbst, sondern hilft vor allem beim Nachbereiten des Geschriebenen durch eine übersichtliche Gestaltung.

Seitengestaltung nach dem Cornell-System schafft Übersichtlichkeit

Das Cornell-System bietet eine solche Einteilung und eignet sich vor allem für logisch strukturierte Vorlesungen mit aufeinander aufbauenden Themen. Eine Seite wird in drei Bereiche aufgeteilt. Während in der rechten und größten Spalte die eigentlichen Notizen stehen, können im Zuge der Nachbereitung im unteren Bereich eine Zusammenfassung erstellt und im linken Bereich zum späteren Lernen des Inhaltes Fragen zu den Notizpunkten formuliert werden.

Cornell-System

Cornell-System

Dieses Schema digital anzuwenden ist zwar möglich, allerdings weniger verbreitet. Die meisten digitalen Notizbücher wie OneNote, Evernote und Co. bieten keine solche Funktion. Dafür ist es mit ihnen, vorausgesetzt das jeweilige Programm ist bereits installiert oder die Web-Application geöffnet, ein Kinderspiel, neue Notizen zu erstellen, sie in Notizbüchern zu gruppieren und über Tags Querverweise zu schaffen. Während es in vollen Aktenordnern einer durchdachten Organisation der Mitschriebe bedarf, um einen bestimmten Absatz auf Anhieb zu finden, so hilft im digitalen Notizbuch die Suchfunktion, die in Sekunden die gesamte Sammlung durchforstet. Doch der wahrscheinlich größte Unterschied macht sich bemerkbar, wenn Änderungen nachträglich vorgenommen werden müssen, ein Thema eingeschoben oder ergänzt wird oder das Geschriebene umsortiert werden soll. Wo am PC Strg+X und Strg+V das Problem lösen, hilft bei analogen Notizen oft nur ein erneutes Abschreiben, wenn die Übersichtlichkeit erhalten bleiben soll.

Allerdings überzeugt das Mitschreiben per Hand in einem nicht zu unterschätzenden Punkt:

Stift und Papier überzeugen beim Zeichnen und Skizzieren

Egal ob Grafiken, Schaubilder, Skizzen oder Formeln: Ihre Erstellung am Computer ist in der Hektik einer Vorlesung fast unmöglich oder zumindest auf keinen Fall praktikabel, sofern man kein iPad mit Apple Pen besitzt.

Notizen per Hand

Skizzen mit der Hand

Gibt es hierfür eine Lösung?

Jein. Ein Foto der per Hand gezeichneten Grafik lässt sich problemlos in die digitalen Notizbücher einfügen, allerdings nicht mehr erweitern oder verändern. Es ist somit eher ein Kompromiss, der einen oder mehrere Zwischenschritte benötigt und am Ende doch nicht alle Vorteile des digitalen Notizenmachens bietet. Womöglich ist dieser Punkt für manche Studenten der ausschlaggebende, zu Stift und Papier bzw. Tablet und Eingabestift zu greifen. Wenn selbst erstellte Skizzen jedoch nur die Ausnahme sind, kann man sich problemlos für den Kompromiss aus digitalen Notizen mit Fotos der Grafiken entscheiden.

Spezielle Stifte oder Notizbücher, die das Geschriebene automatisch digitalisieren, binden meiner Meinung nach zu sehr an ein Gerät bzw. ein Gadget und sind deshalb nur wenig praxistauglich.

Beim Schreiben Lernen, nicht nur abtippen

Das Anfertigen von Notizen verfolgt im Grunde nur ein Ziel: Das erleichterte Reproduzieren und Lernen des Stoffes.

Und gerade unter diesem Aspekt unterscheiden sich beide Methoden stark voneinander, wie eine Studie von Pam A. Mueller (Princeton University) und Daniel M. Oppenheimer (University of California) zeigte. Sie ging folgender Frage auf den Grund:

„Is laptop note taking detrimental to overall conceptual understanding and retention of new information?” 

In mehreren Tests haben sie bewiesen, dass Lernstoff, welcher während einer Präsentation mit Stift und Papier notiert wurde, besser in einem nachfolgenden Test wiedergegeben werden kann, als der am PC mitgeschriebene. Es ist somit relativ wahrscheinlich, dass die handschriftlichen Notizen erfolgreicher und mit weniger Aufwand gelernt und verwertet werden können, als am Computer getippte.

Gerade visuell Lernende können hier von einem „Erinnern“ des Schriftbildes profitieren. Denn die eigene Handschrift ist einzigartig und eine – manchmal mehr, manchmal weniger künstlerische – Ausdrucksweise unserer Gedanken. Wir können unsere eigene Handschrift von anderen unterscheiden und somit ist alles Handgeschriebene für uns automatisch bekannt und vertraut, wodurch es uns deutlich leichter fällt, auch den Inhalt reproduzierbar zu speichern.

Keine klare Entscheidung – Jede Methode hat ihre Vorteile

Pro Digital

  • Umweltschonend: kein Papier, kein Druck
  • Nachträglich editierbar
  • Verlinkungen zwischen anderen Notizen und Onlineinhalten
  • Synchronisation über alle Geräte hinweg
  • Kollaboratives Arbeiten an einem Dokument mit zusätzlichen Features wie einem Workchat etc.
  • Datensicherung
  • Direktes Arbeiten mit anderen digitalen Inhalten wie beispielsweise dem Vorlesungsskript

Pro Stift und Papier

  • Höhere Flexibilität: kein Strom, kein Internet, kein Endgerät nötig
  • Schneller bei spontanen Notizen
  • Grafiken, Zeichnungen, einfache Tabellen leichter und schneller zu erstellen
  • Deutlich höherer Lernerfolg

Fazit

Beide Methoden haben ihre spezifischen Vorteile. Digital bietet alle Möglichkeiten der digitalen Verarbeitung und Vernetzung; konventionell ist klar die bessere Methode für schnelles Lernen. Letztendlich muss jeder, abhängig von seiner Form der Notizen (Grafiken, Text, Onlineverlinkungen usw.) und seinem Verwendungszweck (Lernen, Weiterverarbeiten am PC, Teilen der Notizen usw.), selbst entscheiden, welche Art des Notierens die meisten Vorteile hat. Und vielleicht ist für manche auch ein goldener Mittelweg, der beide Arten kombiniert und entsprechend der Situation eine auswählt, ein geeigneter Ansatz.

Quellen:

https://www.umfk.edu/learning-center/studying-tips/notes/, Abfrage vom 28.07.2017

https://hbr.org/2015/07/what-you-miss-when-you-take-notes-on-your-laptop, Abfrage vom 28.07.2017

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